9 - Alles ist Xingu

Es schien Zufall zu sein, der meinen Mann das erste Mal nach Brasilien brachte, aber es fügte sich schon auch in ein bekanntes Muster ein...

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Die einen glauben, das Leben bestehe aus aneinandergereihten Zufällen, andere, es gibt keine Zufälle. Ich vermute, manche Menschen lassen sich mehr treiben, andere weniger. Und je weniger man sich treiben lässt und je mehr man selber will und bestimmt, um so mehr zieht es oder schiebt es einen dann, vielleicht der Reihe nach, hier- oder dorthin. Es schien Zufall zu sein, der meinen Mann das erste Mal nach Brasilien brachte, aber es fügte sich schon auch in ein bekanntes Muster ein: tatsächlich zufällig entdecken, verstehen wollen, erkennen, machen.

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Abb. Antonio und Familie 2008

Mein Mann und Rainer, sein bester Freund, waren eingeladen worden nach Fortaleza, einer Millionenstadt im Norden Brasiliens. Mein Mann war begeistert von der Natur und dem Meer, und wie schon 20 Jahre vorher, wenn ihm Land und Natur gefallen, dann möchte er dort auch am liebsten schon am nächsten Tag wohnen und arbeiten können.

Schon bald kam den beiden die Idee, ein Stück Land zu kaufen. Sie suchten eine Zeitlang um Fortaleza herum und fanden ein Grundstück, das perfekt war und das sie erwarben. Es handelte sich um eine vom Eigentümer verlassene Cashew-Farm, auf der wir beinahe genauso wie damals in Andalusien gleich eine ganze Familie dazubekamen: Antonio, seine Frau Maria und die drei Kinder. Und 500 uralte Cashew-Bäume, die später um 1100 neue Bäume ergänzt wurden.

 

Bis dahin kannten wir nur die Cashewnuss und wussten wie die meisten Europäer nicht, dass die Nuss an einer orangefarbenen Frucht hängt, die auf Bäumen wächst. Und auch nicht, dass der Saft der Cashew-Frucht in Brasilien einen Beliebtheitsgrad hat wie bei uns der Apfelsaft.

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Abb. Cashew-Äpfel mit Cashew-Nuss

Der Forscher in meinem Mann war geweckt. Er beschäftigte sich mit dem Saft, tauschte sich mit Professoren der Universität von Fortaleza aus und war begeistert von der Vielzahl der Inhaltsstoffe und der Fülle an Antioxidantien: davon waren mehr enthalten als in fast allen anderen Früchten. Wir beschlossen, den Cashew-Saft mit in unsere Überlegungen für Anti-Ageing Produkte aufzunehmen.

 

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Abb. Joao da Silva

Schon die Cashew-Farm klingt mir heute nicht mehr wie Zufall. Nicht lange danach lernten wir den alten Joao da Silva kennen. Ein Heiler; er lebte nicht weit von unserer Cashew-Finca, in dem kleinen Ort Beberiebe. Joao war ein bescheidener, faszinierender Mann mit einer besonderen Ausstrahlung. Ein Exemplar einer aussterbenden Spezies, gedanklich eins mit der Natur, mit einem reichen, fast unglaublichen Wissen über Pflanzen, deren Früchte und Wirkungsweisen, mündlich überliefert über die Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende.

Was er wusste, interessierte leider kaum jemanden sonst in der Gegend. Es gab keine Schüler mehr für ihn. Seine Kenntnisse würden mit ihm sterben, und er freute sich, dass es doch noch Leute gab, die sich für das interessierten, was ihm überliefert worden war. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, Früchte und Pflanzen aus Knetgummi nachzubilden und stellte sie in einem mit Schaumgummi ausgekleideten Geschirr-Kasten aus. Zu jedem Exponat konnte er uns genau sagen, bei welcher Krankheit es wirkte.

 

Uns wurde klar, dass die Natur hier viel für uns und unsere Arbeit zu bieten hatte. Wir hatten von der Aloe Vera gelernt, dass man alles, was man der Natur gibt, auch zurückbekommt. Und umgekehrt dachten wir jetzt, wenn man hier neue, wirksame Rohstoffe für unsere Pflegelinien finden würde, könnte man bestimmt auch den Menschen, die hier lebten, etwas dafür zurückgeben. Wir wollten nicht als ausbeutende Europäer kommen, sondern als an Mensch und Natur interessierte Sammler und Freunde. Bevor wir dort geschäftlich tätig werden würden, wollten wir klären, was wir in der Hinsicht machen konnten.

 

Wir hatten bereits Kontakte mit Mitarbeitern der Deutschen Gesellschaft für Zusammenarbeit, GTZ, gehabt. Jetzt besuchten wir im nördlichen Amazonasbecken in der Stadt Altamira den Bischof Erwin Kräutler. Der Bischof stammte aus Österreich, war Träger des alternativen Nobelpreises. Sein Einsatz für die Erhaltung der Natur im Amazonasbecken und für die Rechte der indigenen Bevölkerung war bewundernswert. Der Bischof hat sich als vehementer Kritiker des großen Staudammprojektes Belo Monte viele Feinde gemacht und Morddrohungen bekommen.

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Abb. Caatinga - Rechte von Frauen und Mädchen stärken

Und uns wurde klar, dies war eine extrem raue Umgebung, in der wir uns schon sehr gut überlegen mussten, was man anfängt oder unterstützt, um wirksam zu sein und ohne sich selbst und andere in große Gefahr zu bringen. Unsere ursprüngliche Idee war, uns mit eigenen Projekten neben der Arbeit für den Erhalt des Regenwaldes zu engagieren. Das konnte man zwar finanziell machen, aber aus oben angeführten Gründen wollten wir das nicht offen vor Ort.

Stattdessen entschlossen wir uns, das schon bestehende Hilfsprojekt "Caatinga" zu fördern. Caatinga unterstützt die Schulausbildung von Mädchen und mit Mikrokrediten junge Frauen, sich in dem patriarchalisch geprägten Brasilien eine bescheidene Existenz aufzubauen.

 

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Abb. Die Schönheit des brasilianischen Regenwaldes

Faszination Xingu.

Altamira liegt im brasilianischen Bundesstaat Para. Für die Einheimischen und vor allem für die Indianer liegt es in Xingu. Xingu ist für die Indianer die Quelle des Lebens und das Leben selbst - einer der gewaltigen Flüsse, die später in den Amazonas münden. Nicht weit von Altamira ist er über 10 km breit. Aber auch das Land wird von den Indianern Xingu genannt. Sogar die Indianer selbst nennen sich Xingu. Alles ist Xingu, alles ist lebendig. Im Prinzip ist Xingu ein ganz unglaublich vielfältiger, artenreicher Kosmos voller Geheimnisse und gesunder, exotischer Pflanzen, die bei uns in Europa noch nie jemand gesehen hatte.

Wir gingen auf Entdeckungsreise und fuhren für einige Tage mit einem Boot das Flussufer des Xingu ab. Mit Hilfe von Einheimischen sammelten wir Pflanzen und Früchte, von denen wir einige schon im Geschirrkasten von Joao da Silva gesehen hatten, andere aber auch nicht. Die Pflanzen nahmen wir mit zurück nach Altamira und ließen uns dort noch genauer erklären, um welche Früchte es sich handelte und welche Fähigkeiten in ihnen verborgen waren.

 

Wir nahmen sie mit nach Hamburg in unser Labor, untersuchten sie und fanden denn auch heraus, was wir uns schon gedacht hatten: Die Wirksamkeit der Inhaltsstoffe war fantastisch. Mehr als genug für eine komplett neue, intensive Naturkosmetik-Linie. Für die Namensfindung wollten wir beide uns eigentlich getrennt Vorschläge überlegen. Aber noch während wir uns das vornahmen, hatte jeder von uns beiden auch schon eine Idee: Xingu.

Wie es unterdessen auf der Finca in Spanien weiterging, erfahren Sie in der nächsten Geschichte…

 

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