2 - Der Cowboy mit der Aloe

Kapitel2 Jim Marsh header

Um uns herum hatten wir 3 Nachbarn mit ihren Fincas. Das war zum einen ein freundlicher englischer Apotheker, der hier oft und gern seine Ferien genoss. Die zweite Nachbarin war auch aus England und betrieb hier eine gut gehende Hundepension. Der dritte war: Jim Marsh.

Jim Marsh war für uns der Marlboro-Mann. Er sah ein wenig aus wie Henry Ford, ein breites und gutaussehendes Gesicht, aber im Unterschied zur Werbe-Ikone waren seine Haare weiß, und er trug sie lang. Jeans, Cowboystiefel, offenes Hemd, immer die Zigarette im Mundwinkel. Aufmerksame, tiefliegende blaue Augen, die einen freundlich durchbohrten. Jim war einer von vielen illustren Bewohnern in dieser Gegend, wo sich Filmstars, Drogendealer, High-Tech-Tüftler und andere Sonderlinge, Reiche und dann auch wieder eigentlich ganz normale Menschen wie wir ein neues Zuhause eingerichtet hatten. Jim war ein Aussteiger, der fast 40 Jahre für die Industrie in den USA gearbeitet hatte, jetzt hier mit seiner Frau und seinen Kindern lebte und etwas Landwirtschaft betrieb.

Wir begegneten ihm öfter auf der engen Zufahrtstrasse die Straße zur Finca hoch, wenn man sich mit dem Auto am anderen vorbeischlängelte und sich freundlich grüßte. Schließlich kurbelte er eines Tages das Fenster runter und lud uns ein: ob wir nicht mal zum Abendessen kommen wollten auf seine Finca, die "Villa Oklahoma". Wir freuten uns über die Einladung, verabredeten uns für den nächsten Sonntag und wussten nicht, dass dies der Abend war, der unser Leben verändern würde.

Kapitel2 2 Aloe Vera SB sw

Es war Sonntagabend, nach einigen Gläsern Wein sprach Jim mich auf meine Haut an - was mir gar nicht gefiel, sondern eher peinlich war. Ich hatte damals massive Hautprobleme die ich unter einem dicken Make-up versteckte, trotzdem waren sie ihm aufgefallen. Er marschierte in seinen Garten, kam mit einem „Kaktusblatt“ zurück, drückte mir das stachlige Ding in die Hand und sagte: Sabin, this is Aloe Vera. Cut the leaf into slices, peel them and put the soft, wet content onto your skin. Twice a day.

Ich habe es an den darauffolgenden Tagen eher widerwillig gemacht da ich damals fest von der Wirkung teurer Kosmetik aus der Parfümerie, im Wechsel mit Hautarztbesuchen, überzeugt war. Aber: Das Gefühl beim Auftragen war schon wunderbar kühl und weich, extrem wohltuend auf meiner entzündeten, roten und trockenen Haut. Und der Erfolg war einfach überwältigend. Nach einer Woche sah meine Haut tatsächlich nicht nur deutlich besser aus, sie fühlte sich auch herrlich geschmeidig an. Ich sah bereits meine jahrzehntelangen Hautprobleme gelöst!

Wieder in Hamburg angekommen, fragte ich in meiner Stammapotheke nach Hautpflege mit Aloe Vera. Aloe Vera? Die Apothekerin zuckte mit den Achseln. Nein, da müssen Sie in den die Drogerie oder eine Parfümerie gehen. Das Thema schien die Frau auch nicht sonderlich zu interessieren. Ich war erstaunt. Ich hatte die einzigartige, intensive Wirkung von Aloe Vera auf meiner Haut erlebt und war immer noch ganz aus dem Häuschen.

War es möglich, dass sonst keiner davon wusste? Oder war Aloe Vera vielleicht zu down to Earth für Apotheken? Ich suchte eine Parfümerie auf und entschied mich für eine Creme mit einem groß abgebildetem Aloe Vera Blatt darauf.

Die Creme war ein kompletter Flop. Die Wirkung war gleich Null. Warum nur? Das Blatt von Jim hatte doch gewirkt. Was mir damals nicht klar war: Es gab keine Inhaltsstoffliste auf in kosmetischen Produkten. Die Hersteller waren nicht verpflichtet, auf ihren Produkten anzugeben, was in ihnen enthalten war und noch wichtiger, wie viel von jedem Inhaltsstoff. Kein Verkäufer und kein Verbraucher wusste, was wirklich in den Produkten enthalten war. Erst 1997 wurde die INCI, die Liste aller Inhaltsstoffe, auf dem Produktetikett Pflicht. Da die INCI alle Inhaltsstoffe in quantitativ absteigender Reihenfolge nennen muss, konnte man ab da erkennen welche Substanz den größten und damit wichtigsten Anteil hatte.

Kapitel2 3 Aloe Vera SB sw

Später fragte ich Jim, warum die Creme aus der Parfümerie nicht gewirkt hatte. Er meinte, dass darin wahrscheinlich zu wenig Aloe Vera enthalten gewesen sei. Da hatte er Recht, wie sich später herausstellen sollte. Als wir schließlich erfuhren, wie recht er hatte, sollte es uns die Sprache verschlagen.

Auch wenn Jim lange, weiße Haare hatte, ausgestiegen war aus dem „Rattenrennen“, wie er es formulierte und mit seiner Familie hier in Spanien auf dem Land lebte, war er immer noch Amerikaner bzw. Geschäftsmann. Und er baute Aloe Vera auf seiner Finca an. Warum baut ihr nicht auch selber Aloe Vera hier an, ihr habt doch Platz, sagte er. Ich kann euch die besorgen.

Der Gedanke gefiel uns sehr. Mein Mann und ich dachten, warum Manolo weiter Kartoffeln und Tomaten anbauen lassen, die man spottbillig auf dem Markt bekommen konnte. Warum nicht Aloe Vera, eine Pflanze, die anscheinend völlig unterrepräsentiert war in Europa, auf jeden Fall in Deutschland. Wir konnten die Pflanzen hier in Ruhe wachsen lassen und in Deutschland an die Hersteller verkaufen. (Und mich und meine Haut gleichzeitig direkt selbst versorgen, dachte ich natürlich auch.)

Kapitel2 5 Manolo Baby Aloe

Wir beschlossen das Angebot von Jim Marsh anzunehmen und kauften ihm 4000 Pflanzen ab.

Der Einzige, der nicht begeistert war, war Manolo. Kartoffeln und Tomaten konnte man essen, Aloe Vera nicht. Trotzdem fügte er sich, und wir mussten alle gemeinsam lernen, wie man die Pflanzen im Feld positioniert und einpflanzt.

Jetzt hatten wir die Aloe Vera, aber noch keinen Plan.

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