5 - Zahlenkosmetik

Kapitel5 1 Zahlenkosmetik header

Jetzt, 1994, die Wühlmäuse waren noch lange nicht in Sicht, war die erste Generation unserer Aloe Vera Pflanzen groß und stark. Organisch gewachsen, gesund und biozertifiziert, und auch wir selbst fühlten uns, als könnten wir Bäume ausreißen. Jetzt konnten wir der kosmetischen Industrie unseren kostbaren Rohstoff anbieten. Denn das hatten wir vor, die Aloe Vera als Rohstoff anzubieten. Ob hinterher ein Beauty-Saft zum Trinken daraus werden würde oder eine Creme, würden die verarbeitenden Firmen entscheiden.

Wir sind gefragt worden, wie konntet ihr so naiv sein, erst mehrere tausend Pflanzen anzubauen, diese jahrelang wachsen zu lassen und zu biozertifizieren, ohne im Vorwege Handelswege und Abnehmer zu organisieren. Dafür gab es mehrere Gründe. Mein Mann und ich hatten beide andere Jobs, die uns ausfüllten und unsere Lebenshaltungskosten abdeckten. Die Finca sollte sich irgendwann tragen, das war aber noch nicht in den Mittelpunkt unserer Überlegungen getreten.

Wir spürten, dass hier, an diesem Ort, etwas Besonderes möglich war. Dazu kam, dass ich die hiesige Aloe Vera selbst "getestet" hatte und von der hohen Wirksamkeit der Pflanzen wusste. Hier auf unserer Finca wuchsen Qualitätsprodukte, die sich ganz sicher mit der Konkurrenz messen können würden, davon war ich überzeugt und ich hatte endlich tolle Aloe Vera für meine Haut.

Ich vermute, es gab einen weiteren Grund, der auch mit dafür verantwortlich war, dass sich die Entwicklung von Santaverde über einen sehr langen Zeitraum hingezogen hatte. Mein Mann und ich waren beide Kaufleute, beide vor langen Jahren zugezogene, begeisterte Hamburger, beide aufgewachsen in Unternehmerfamilien. Mein Mann und ich, wir sind und waren beide immer Macher.

Kapitel5 2 Zahlenkosmetik Hunde

Doch, wenn wir auf der Finca waren, wurden wir auch immer etwas angesteckt von dem laissez-faire, dem ja-ja-das-wird-schon. Das strahlende Licht auf den weißen Häuserwänden, die faulen Hunde in der Sonne liegend, das Klima, Manolo, alles vermittelte uns das Gefühl von Zeitlosigkeit. In Spanien hatten wir in gewisser Weise Zeit ohne Ende. In gewisser Weise waren wir hier sogar selber organisch, wir waren ungestresst und locker. Wir wollten nichts Schnelles, kein huschhusch. Auch keine Fließbandproduktion von irgendetwas. Wir wollten etwas machen, das mit uns und unserem Lebensgefühl hier zusammenhing. Etwas, das sich gut, richtig und lebendig anfühlen sollte. Und: das Bestand haben würde. Ich bin sicher, dass es das Unternehmen Santaverde sehr positiv beeinflusst hat, dass man Zeit hatte, dass man sich Zeit nahm.

Dennoch gab es Dinge, die erledigt werden mussten. Die erste Ernte stand jetzt vor der Tür, wir begannen uns nach Abnehmern umzusehen.

Abb. Papa Purzel und Sohn ET

Wir machten uns also auf die Suche nach Herstellern von Aloe Vera Produkten. Auch hier wieder etwas blauäugig, dennoch von Erfolg gekrönt. Im Supermarkt in Hamburg stießen wir auf eine Bodylotion im Regal, auf deren Etikett eine auffällig gestaltete Aloe Vera Pflanze prangte und auch das Wort Aloe Vera in verhältnismäßig großen Lettern zu lesen war. Wir dachten, wo Aloe Vera so groß draufsteht, muss dann auch besonders viel drin sein. Die großen Kosmetik-Flaschen ließen außerdem auf einen dementsprechend großen Mengenbedarf an Aloe Vera schließen.

Wir suchten im Kleingedruckten der Rückseite des Etiketts nach der Herstelleradresse und notierten sie uns. Das Produkt wurde von einem uns unbekannten Lohnproduzenten für ein internationales Markenunternehmen hergestellt. Einige Tage später rief ich den Herstellungsleiter der Firma auf dem Etikett an. Das darauf folgende Gespräch dauerte tatsächlich ungefähr eine Stunde. Sinngemäß lässt es sich auf folgenden Inhalt zusammenfassen:

Kapitel5 4 Zahlenkosmetik Dialog

Sabine Beer:
Wir sind Anbauer von Aloe Vera. Sie stellen eine tolle Body Lotion her und brauchen bestimmt große Mengen von Aloe Vera Wie viele Tonnen brauchen Sie pro Woche?
Herstellungsleiter (10 Sekunden Stille):
Hmm. Ich hab da mal eine Frage: Kommen Sie aus der kosmetischen Industrie?
Sabine Beer:
Nein. Wir bauen Aloe Vera an. Also nur Aloe Vera. Und wir haben eine großartige Qualität. Ich habe selbst das frische Gel aus den Blättern auf meiner Haut ausprobiert.
Herstellungsleiter (nach einigem Zögern):
Gut. Dann erklär ich ihnen jetzt mal etwas. Wir verwenden ein Aloe-Pulver, das wir im Verhältnis 1 zu 200 mit Wasser rückverdünnen. Davon verwenden wir 0,5 Prozent in unserer Bodylotion.
Sabine Beer:
Wie bitte? Ja, wirkt das denn auf der Haut?
Herstellungsleiter:
Nein. Wie soll das wirken, bei dieser Konzentration.
Sabine Beer:
Warum nehmen Sie dann nicht einfach mehr Aloe Vera?
Herstellungsleiter:
Das ist unserem Auftraggeber zu teuer. Leider.
Sabine Beer:
Glauben Sie denn, dass Aloe Vera keine Wirkung hat?
Herstellungsleiter:
Doch. Wir wissen aus vielen Studien, dass Aloe Vera eine hervorragende Wirkung auf der Haut hat. Aber der Preis ist einfach zu hoch und frische Pflanzenstoffe sind viel schwieriger in der Rezepturentwicklung als zu Pulver verarbeitete, die einfach berechenbarer sind und unbegrenzt haltbar. Und auf die kann ich mich als Entwicklungsleiter verlassen, die „leben“ nicht mehr und verändern sich nicht.

Kapitel5 3 Zahlenkosmetik Aloe Vera Kosmetik

Das war’s. Die Hersteller schrieben in großen Lettern Aloe Vera auf ihre Produkte, in denen nur 0,5 Prozent eines mit Wasser rückverdünnten Pulvers enthalten war.
Es wurde uns klar, dass das Geschäftsmodell der kosmetischen Industrie im Prinzip darin besteht, Wasser zu verkaufen.
Wasser, angereichert um kleine Mengen von Zutaten, die mal mehr, mal weniger, mal gar nicht wirkten.
Die seelenlose, industrielle Verarbeitung der frischen, bis zu 1 kg schweren Aloe Vera Blätter zu einem kleinen Tütchen Pulver, ein rabiater Prozess über Druck, Hitze und scharfe Filtrationen bis zum Bleichen, beraubt diese wunderbare Pflanze komplett ihrer Wirkung. Das durfte man der Aloe Vera, aber auch uns Verwendern nicht antun!
Der einzige wirklich wirksame Effekt, der in vielen dieser Produkte steckte, war der Marketingeffekt: Das Geschäft, das Firmen mit der Aloe Vera machten, die seit jeher und zu Recht ein sehr, sehr positives Image bei vielen Verbrauchern hat.

Wir waren empört, wütend und zutiefst enttäuscht. Wir hatten, vielleicht etwas naiv, gedacht, von dem, was groß draufsteht, ist auch viel drin. Und nie in Frage gestellt, dass es unter Umständen auch anders sein könnte. Die Gesetzgebung ließ das zwar zu, aber für uns war es Verbrauchertäuschung.

Bis zu diesem Moment verstanden wir uns als Aloe Vera Rohstoffanbauer. Jetzt wussten wir, dass wir neu denken mussten. Es keimte die Idee in uns, über den Anbau hinaus auch selbst Kosmetikhersteller zu werden.

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