Alles begann mit der Finca Verde

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Kurz nachdem wir uns im Februar 1986 in Hamburg kennengelernt hatten, bestand mein damaliger Freund und heutiger Mann darauf, mit mir auf eine Finca in Südspanien zu fahren, die er einige Monate vorher gekauft hatte. Als ich daraufhin zum ersten Mal nach Andalusien kam, war ich überwältigt vom Duft der Orangenbäume. Es war, als ob die Landschaft parfümiert worden war. Heute, 32 Jahre später, bin ich noch immer verzaubert von dem klaren, scharfen Licht des Winters und der flirrenden Hitze des Sommers. Von unserer Terrasse aus sehen wir den Felsen von Gibraltar und die Hügel des Atlasgebirges in Marokko.

Kapitel1 Finca 4 Rustikal Heimat SB KB

Haben Sie nicht auch was Rustikales, hatte mein Mann auf seiner Suche nach einem Ferienhäuschen den Makler gefragt, der ihm vorher eine Reihe von schicken Apartments mit Golfplatz nebenan präsentiert hatte. Der Makler fuhr mit ihm zur Finca Verde, einem zu der Zeit etwas ungepflegt wirkenden Anwesen an einem Hügel, das aus einem Herrenhaus, der Remise, Stallungen, 2 dazugehörigen Feldern, einem großen Innenhof und einem Swimmingpool bestand. Mein Mann war auf der Stelle einverstanden.

Später wurde er gefragt, warum er die Finca denn ohne zu zögern direkt gekauft hatte. Ein Bauchgefühl, war seine Antwort. Er hätte im ersten Moment gewusst, dass es richtig war. Wenn er es rationalisieren müsse, sei es eine Melange gewesen. Abenteuerlust war da. Und Dinge anders machen. Dann das einzigartige Licht und die Landschaft. Sicher auch eine unbestimmte Ahnung des Unternehmers, dass man hier etwas Neues erschaffen konnte. Aber vor allem war es die Finca selbst: Die Finca war kein Ferienhaus, sondern etwas Lebendiges - eine Heimat.

Oben auf dem Anwesen stand die Remise und was dazugehörte. Seitlich erstreckten sich die Stallungen. Und unten stand unser Haus, das Herrenhaus. So richtig herrisch wirkte es gar nicht, organisch eingefügt in die Umgebung, einfach gebaut, weiß gekalkt wie die meisten Häuser in Andalusien, obendrauf ein wunderschönes Terrakottadach und passend zum Dach, rotbraun und fein gemustert, die schweren, hölzernen Fensterläden, die man schloss, wenn die Mittagshitze zu intensiv wurde.

Kapitel1 Finca 6 Remise Finca Verde Mountains

Die Inneneinrichtung des Hauses hatten wir von den Vorbesitzerinnen übernommen, 2 Französinnen, die aus gesundheitlichen Gründen zurück nach Frankreich gingen. Auch, wenn wir gewollt hätten, wäre es schwierig geworden, viel zu ändern. Die Innenarchitektur war im maurischen Stil gehalten und das Mobiliar war deswegen eigentlich eher immobil: vornehmlich eingelassene Hohlräume in den Wänden oder auf den Boden gemauerte Sitzbänke, aus denen dann in Verbindung mit Holz und Polstern Schränke, Regale und Sofas wurden. Aber wir dachten auch nicht im Traum daran, in diesem Haus viel zu ändern. Im Gegenteil: Der reduzierte, exzellente Geschmack der Französinnen und die schönen, kleinen Details, mit denen sie das Haus eingerichtet hatten, der Charakter, das war in Verbindung mit der herben und vitalen andalusischen Außenwelt für uns ein Teil der Magie dieses Ortes, Geheimnis und Inspiration.

Kapitel1 Finca 7 lebend Interieur Luisa

Zur Finca hatten wir obendrein das lebendige Interieur übernommen. Da war Manolo, der Verwalter und Landarbeiter in einem, seine Frau Luisa und seine beiden Töchter Ines und Luz. Da waren die Schweine, die Ziegen, die Kaninchen, die bei Manolo und Luisa lebten. Es gab wilde Katzen, es gab die Hühner, die Hunde, die damals noch voller Flöhe und Läuse steckten. (Was wir zuerst nicht wussten.)

Spanien war noch lange nicht in der EU und Andalusien eine der ärmsten Regionen Spaniens. Manolo hatte früher als Stallbursche für die Pferde bei der Corrida gearbeitet, dem Stierkampf. Er bestellte die Felder und Luisa sorgte für die Familie. Beide waren Analphabeten. Was an Manolo zuerst auffiel war seine Haltung. Andalusisch bis ins Mark, asketisch, hager und stolz, anders als seine eher ausladende Frau Luisa, die gerne kochte.

Kapitel1 Finca 8 Manolo Torrero Reparateur

Manolo hielt sich immer gerade und aufrecht. Wie ein Torero! Er war kein Feinmotoriker. Wenn er arbeitete, verletzte er sich häufig. ‚Pasa nada’ war seine Antwort, macht nichts, auch wenn es stark blutete und der halbe Finger daneben hing. Pflaster kannte er nicht. Manolos Hände wären eine Fundgrube fürs Max-Planck-Institut, meinte mein Mann, voller wertvoller Antikörper gegen allen Schmutz der Welt.

Aber wenn etwas auf der Finca fehlte, ein passendes Holzstück oder eine ganz spezielle Schraube, hatte Manolo seinen Baumarkt gleich hinter dem Haus, einen kleinen Schrotthaufen, in dem er jedes Mal die Schraube oder das Stück Holz und überhaupt alles fand, was er brauchte.

Kapitel1 Finca 9 Manolo Firmenauto

Sein Firmenauto hatte 4 Beine, fraß Hafer, Äpfel und Zucker. Irgendwann überredete er meinen Mann, ein weiteres Pferd zu kaufen. 5.000 Mark kostete es; er würde daraus ein Klassepferd machen, und man könnte es dann für 10.000 Mark verkaufen. Konnte man dann aber nicht.

Wenn Manolo Geld von uns für Ausgaben der Finca bekam und Besorgungen machte, kam er später mit den Quittungen, die er nicht lesen konnte und dem Restgeld zurück. Es stimmte fast immer bis auf den Pfennig.

Kapitel1 Finca 10 Manolo Vino Fanta

Eine Spezialität von Manolo war selbstgemachter Wein, der in der Nachbarschaft wuchs. Er wurde gemeinschaftlich nach der traditionellen Methode, dem Austreten der Trauben mit den Füssen, gewonnen und hatte mindestens den doppelten Alkoholgehalt wie normaler Wein. Abgefüllt in 1,5l Fantaflaschen, nannten wir ihn Vino de Fanta.

Es kam vor, dass er einen oder zwei Freunde zu Gast hatte und wir alle auf der Finca vor seinem Haus saßen und gemeinsam das eine oder andere Gläschen tranken. Und dann, selten, gab es Abende, an denen sangen sie Malaguenas, ihre schönen, schwermütigen Lieder von Familie, Liebe und Tod.